| |
"Seeshaupt
findet bereits im Jahre 740 n. Chr. seine erste urkundliche Erwähnung". So
oder ähnlich steht es in allen
Veröffentlichungen, die sich auf die Geschichte unseres Ortes beziehen. Man
beruft sich dabei auf eine Mitteilung des Mönches Gotschalk von
Benediktbeuern, in der die Grenzen des Klosterbesitzes beschrieben werden.
Gotschalks Darstellung aus der Mitte des 11. Jhd. kann jedoch nicht
durchwegs als objektiv gelten, denn eine schriftliche Urkunde aus der
Frühzeit gibt es nicht. Und hier gehen die Meinungen weit auseinander.
Sprechen die einen vom "größten Fälscher aller
Zeiten", meinen die anderen,
dass man seine Darstellungen nicht als reine Erfindung abtun kann, da er
sich auf mehrere ältere Quellen stützen konnte.
So ist es wahrscheinlich,
dass unser liebenswerter Ort zwischen Starnberger See und Osterseen bei
seiner ersten Erwähnung nicht nur in deutscher Sprache "Seshoibit" als
Grenzgebiet, sondern auch lateinisch als "Sumilaga", als Dorf mit sechs
Hüben (das sind mittlere Bauernhöfe), genannt wurde.
in den folgenden Jahrhunderten
verlief die Geschichte unserer Heimatgemeinde so wie in den anderen Orten um
den See. Von großen geschichtlichen Ereignissen wurden die Seeshaupter nur
indirekt betroffen. Bis zur Säkularisation im Jahre 1803 waren sie mit ganz
wenigen Ausnahmen Abhängige der umgebenden Klöster Polling, Bernried,
Benediktbeuern, Beuerberg und Habach, die sich die Ortsflur teilten.
Größere Anwesen standen bis
weit ins 19. Jhd. am Frechensee, in Arnried und Seeseiten. Im Ort selbst gab
es nur wenige Bauernhöfe, die meisten Häuser beherbergten im Grunde
Selbstversorger, die nebenbei ein Gewerbe oder ein Handwerk ausübten,
tagwerkten oder, und das war die Mehrzahl, die Fischerei im See und den
umliegenden Gewässern betrieben.
S eeshaupt war von 1353 bis 1479
Filiale des Klosters Polling, nach einem Tausch kam es zu Bernried. Erst
1481 wurde Seeshaupt eine eigene Pfarrei. Sechs Jahre später baute man die
Kirche an die kleine St. Annakapelle an und weihte sie dem St. Michael.
Selbständige Pfarrei wurde Seeshaupt erst im Zuge der Säkularisation im
Jahre 1803. Zusammen mit Magnetsried, Jenhausen und St. Heinrich zählte die
Seeshaupter Pfarrgemeinde damals 556 Seelen. 1808 stand schon der neue
Pfarrhof, der auch ein Schulzimmer beherbergte und neben der Kirche das
einzige ganz aus Stein gebaute Haus war.
I m März 1815 brach im Gasthaus
"Zur Post" beim Schmalzkücherlbacken ein Brand aus, der in nur wenigen
Stunden 2/3 der Anwesen in Schutt und Asche legte.
S ogar der Kirchturm brannte und
die Glocken schmolzen. Nur der neue Pfarrhof und einige Häuser am See
blieben verschont. Bis zum Winter hatten alle Leute dank vielseitiger Hilfe
wieder ein Dach über dem Kopf. Der Ort hatte jedoch sein Gesicht verändert:
Eine breite "Vinzialstraße" war als Hauptstraße angelegt und die
"Misthaufen" hinter die Anwesen verlegt worden. Wegen dieser Modernisierung
wurde Seeshaupt 1822 als schönste Dorfgemeinde prämiert. Der abgebrannte
Kirchturm wurde wieder aufgebaut - statt des Zwiebelturms wurde ein
Spitzturm aufgesetzt.
1857 bekam Seeshaupt einen
königlichen Poststall und eine Postexpedition - damit begann der Aufstieg
des Gasthauses und späteren Hotels "Post". Hier hat König Ludwig II - wie
des öfteren - auch am Tag vor seinem Tode die Pferde gewechselt.
1850 begann für Seeshaupt das
Dampfschiffahrtszeitalter mit der "Maximilian", die damals die günstigste
Verkehrsverbindung an das Ostufer darstellte. Und im Jahr 1865 wurde
Seeshaupt Bahnstation an der Bahnlinie Tutzing - Penzberg. 1905 bezogen die
Kinder ihr neues Schulhaus, das bis heute als Schule dient. Das alte
sogenannte "Lehrerwohnhaus" von 1858 war zu klein geworden. Überhaupt stieg
die Seeshaupter Bevölkerung in dieser Zeit stark an: Der Friedhof an der
Pfarrkirche wurde zu klein - er wurde an seinen heutigen Standort in die
Nähe des Bahnhofes verlegt. Auch die Pfarrkirche mußte erweitert werden -der
Um- und Erweiterungsbau im Jahr 1909 verlieh der St. Michaelskirche ihr
heutiges Aussehen. Erst jetzt bekam sie wieder einen Zwiebelturm.
Um die Jahrhundertwende wurde
Seeshaupt als Sommerfrische attraktiv. Viele betuchte Münchener bauten sich
hier ihr Sommerhaus, wovon zahlreiche Villen - meist in exklusiver Seelage -
noch heute zeugen. Darunter waren auch viele Maler zu finden - Hermann
Ebers, G. A. Horst, Maler der Münchner Schule und später des Blauen Reiters.
Heinrich Campendonk wohnte lange Jahre im jetzigen "Marco Polo". Sie alle
wurden angezogen von der Landschaft um Seeshaupt, vom Starnberger See und
von den Osterseen. Wohl der berühmteste Zeitgenosse, der Seeshaupt zu seinem
Sommerwohnsitz wählte, war der Hygieniker und Arzt Max von Pettenkofer.
Die evangelische Kirche in der Nähe
des Bahnhofs entstand erst im Jahr 1935 auf Betreiben des Vikars Karl
Steinbauer, einem aktiven Gegner des Naziregims, und engagierter
evangelischer Christen im Ort. Der 2. Weltkrieg brachte wie allerorten viel
Leid mit sich. Während im 1. Weltkrieg 22 Seeshaupter ihr Leben lassen
mussten, waren es im 2. Weltkrieg 88. Nach dem Krieg fanden 1.400
Flüchtlinge - meist aus Schlesien - in Seeshaupt Zuflucht.
Wegen des Bombardements von
Trafostationen entlang der Bahnstrecke blieb in der Nacht des 30. Aprils
1945 ein Güterzug mit 2.000 KZ-Häftlingen aus Dachau in Seeshaupt stehen.
Die Amerikaner befreiten die geschundenen KZ-Opfer aus den Zügen. Von jedem
Haus musste ein Familienangehöriger zum Bahnhof gehen und sich mit eigenen
Augen ein Bild von den Greueln des Naziregimes machen. Als Vergeltung für
vier bei einem Scharmützel an der Landkreisgrenze in der Nähe des Lido
gefallene Amerikaner gaben diese den KZ-Häftlingen vier Tage
Plünderungsfreiheit, Tage, an die sich die Seeshaupter mit Schrecken
erinnern. 50 Jahre später, am 30. April 1995 wurde ein Mahnmal, geschaffen
von dem Bildhauer Jörg Kicherer, feierlich eingeweiht. Bei der alljährlichen
Gedenkfeier am 30 April waren schon viele Prominente z.B. Dr. Hans Jochen
Vogel, Heiner Geißler, Renate Schmidt, Timo Spengler... Gastredner.
Ein Zeugnis aus längst vergangenen Tagen ist die
"Seegerichtssäule", die heute am Seeshaupter Dampfersteg steht. Die
inzwischen stark verwitterte Säule trägt die Inschrift S-G, die Jahreszahl
1522 und den schräg gestellten Fisch, der im Seeshaupter Wappen dargestellt
ist. Die Steinsäule war wohl eine Grenzmarkierung zwischen dem Landgericht
Weilheim und dem Seegericht Starnberg. |