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Damals im April
Am Morgen des 30.
April 1945 blieb am Seeshaupter Bahnhof ein Güterzug mit fast 2000
KZ-Häftlingen stehen. Kurze Zeit später befreiten US-Soldaten, die ins
Dorf einmarschiert waren, die Gefangenen aus den Waggons. 68 von ihnen
hatten die Fahrt vom Bahnhof Mettenheim aus nicht überlebt.
Die Häftlinge waren
aus einem der Außenlager des KZ Dachau gekommen, aus dem Lagerkomplex
Mühldorfer Hart. Auf der gefürchteten „Hauptbaustelle“ sollte dort ein
halb-unterirdischer Rüstungsbunker für die Produktion des Düsenflugzeugs
Me262 entstehen. Am 25. April 1945 wurde das Lager hektisch aus Furcht vor
der US-Armee evakuiert, die Kranken ließ man zurück. Das Wachpersonal
verlud die rund 3600 Gefangenen am Bahnhof Mettenheim in einen Güterzug,
je 80 bis 90 Menschen drängte es in einen Waggon. Am späten Abend fuhr der
Zug mit etwa 50 Waggons in Richtung Dachau ab. Am nächsten Morgen wurde er
zum ersten Mal von Tieffliegern angegriffen. Am Tag darauf blieb er in
Poing stecken, die Lokomotive war defekt. Am frühen Abend verbreitete sich
das Gerücht, der Krieg sei zu Ende. Einige Zugbewacher flohen. Bald wagten
sich auch Häftlinge ins Freie, sie wurden aber von der SS brutal
zurückgetrieben. Es kam zum sogenannten Massaker von Poing mit mehr als
fünfzig Toten und zweihundert Verwundeten.

Der Zug fuhr weiter
nach München und wurde am Isartalbahnhof geteilt. Beide Zugteile fuhren
dann auf der früheren Isartalbahnstrecke in Richtung Bichl-Kochel. In
Beuerberg beschossen amerikanische Tiefflieger den Transport, nicht
wissend, dass sich KZ-Häftlinge darin befanden; es gab zwanzig Tote.
Nachdem eine der beiden Lokomotiven zerstört war, wurden die beiden Züge
für die Weiterfahrt über Bichl nach Kochel wieder zusammengekoppelt. Am
Morgen des 30. April lenkte der dortige Bahnhofsvorstand und zugleich
Kochler Bürgermeister den Zug selbst weiter Richtung Starnberg. Einen Teil
der Waggons koppelte er in Tutzing auf Höhe der Bayerischen Textilwerke
ab, die übrigen Waggons am Seeshaupter Bahnhof. In Tutzing befreiten die
Amerikaner etwa 1600 Menschen, in Seeshaupt etwa 2000 nach ihrer
fünftägigen Irrfahrt.
Im Angesicht des Schreckens
Der Anblick der Häftlinge muss schrecklich
gewesen sein. Einer der Amerikaner sagte aus, er habe niemals in seinem
Leben etwas
Fürchterlicheres gesehen, obwohl er sich als Soldat an einiges
habe gewöhnen müssen. Die meisten Häftlinge waren extrem unterernährt,
viele waren an Typhus oder Tuberkulose erkrankt, andere schwer verwundet
durch die Tieffliegerangriffe und das „Massaker von Poing“. Das
US-Kommando zwang Bürgermeister, Gemeinderäte und je einen Dorfbewohner
aus jedem Haus, sich den Zug, die Toten und die ausgemergelten Gestalten
am Bahnhof anzuschauen.
Dann wurden die Kranken und Verletzten in
verschiedene Lazarette gebracht; die meisten kamen zunächst in das
„Lazarett 2003“ im Strandhotel Lido, dort starben weitere 28
KZ-Überlebende. Für die Unterbringung der Gehfähigen beschlagnahmten die
Amerikaner öffentliche Gebäude und Privathäuser;
sie duldeten zunächst
auch schwere Plünderungen durch die KZ-Häftlinge. Nach etwa zwei Wochen brachte die amerikanische Kommandantur nach und nach die ehemaligen
Gefangenen in die Lager für „Displaced Persons“ (DP) in Feldafing und
Freimann.
Die
namenlosen Toten aus dem KZ-Zug (die Angaben schwanken zwischen 63 und 68)
bestattete man vorübergehend auf dem Seeshaupter Friedhof in einem
Massengrab. 1956 wurden sie auf den Friedhof im ehemaligen KZ-Dachau
verlegt, die Leichen aus dem Lido-Lazarett waren schon 1955 dorthin
umgebettet worden. Die Stelle, an der sich in Seeshaupt das Massengrab
befunden hatte, markierte fortan nur ein schlichtes Holzkreuz, ohne
Inschrift.
Erinnerung und Diskussion
Jahrzehntelang sprach kaum jemand über das
Entsetzen von damals, über die Elendsgestalten, die in Scharen durchs Dorf
gezogen waren, über die Vertreibung der Dorfbewohner aus ihren Häusern, um
Platz für die Häftlinge zu schaffen, über die schlimme Zeit der
Plünderungen. Doch wie in vielen anderen Orten setzte auch in Seeshaupt
langsam ein Umdenken ein. Die persönlichen Erlebnisse verblassten, da sich
nichts mit der menschenverachtenden Gewaltherrschaft der
Nationalsozialisten und dem unvorstellbaren Leid der Menschen in den
Konzentrationslagern vergleichen ließ. 1985 regte der Arzt und Gemeinderat
Uwe Hausmann erstmals öffentlich an, mit einem Mahnmal an das Geschehen
vom 30. April 1945 zu erinnern. Bis zur Aufstellung dauerte es nochmal
zehn Jahre. Vorangegangen war eine aufwühlende Diskussion unter den
Befürwortern und den Gegnern im Dorf.

Am 50. Jahrestag, am 30. April
1995, konnte die Eisenplastik des Bildhauers Jörg Kicherer enthüllt
werden. Gekrönt wird das Mahnmal mit den Worten aus der Antigone von
Sophokles: „Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“
Die Gestaltung würdigte
Pfarrer Paul Heggenstaller in einer eindrücklichen Meditation: „… Ich sehe
ein Gebilde aus Eisenteilen, denn hart wie Eisen war die Gewalt, mit der
man gegen Menschen vorging, sie behandelte und einsperrte, sie quälte und
ihnen alle menschliche Würde nahm. … Ich sehe das Mahnmal als ein
Denkzeichen – jeder soll sich selbst Gedanken dazu machen, was die
Ereignisse von damals uns heute zu sagen haben“.
Ein ganzseitiger
Zeitungsartikel in der Los Angeles Times, den Peter Westebbe aus Seeshaupt
initiiert hatte, hatte bewirkt, dass zahlreiche Überlebende aus dem KZ-Zug
bei der Enthüllungsfeier mit dabei waren.
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Der zweite Geburtsort von Louis
Sneh
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Einer der Überlebenden aus dem KZ-Zug war Louis Sneh. Der als
Louis Szunyogh im ungarischen Szegedin geborene Jude lebt heute in
Los Angeles. Dem erfolgreichen Geschäftsmann liegt Seeshaupt als
„sein zweiter Geburtsort“ besonders am Herzen, seit er 1994 durch
einen glücklichen Zufall mit dem Initiativkreis um Uwe Hausmann
zusammengetroffen war. 1945, bei seiner Befreiung, war
Sneh erst 17 Jahre alt. Seine unbeschwerte Jugend ging mit dem
Einmarsch deutscher Soldaten in Ungarn im März 1944 jäh zu Ende.
Schon Mitte April begann die systematische Ghettoisierung der
jüdischen Bevölkerung und wenig später die Transporte ins KZ
Auschwitz. Mehrere Tage war Louis Sneh mit seiner Mutter dorthin
in einem Güterzug unterwegs, eingepfercht zwischen
Leidensgenossen, ohne Wasser, ohne Brot, ohne Toiletten – und dazu
die quälende Ungewissheit, was mit ihnen geschehen würde. Am 29.
Juni 1944 standen sie an der Todesrampe vor dem
KZ-Arzt Dr. Mengele. Sneh kam ins Arbeitslager Birkenau, seine
Eltern hat er nie wiedergesehen. Vier Wochen später gelangte er
mit der eintätowierten Nummer 83500 ins KZ-Außenlager Mühldorfer
Hart. Nach neun langen Monaten, als Ende April 1945 die Alliierten
immer näher rückten, wurde das Lager geräumt. Am 25. April 1945
steckten die Bewacher Louis Sneh zusammen mit 3600 Häftlingen
wieder in einen Zug, und wieder wusste er nicht, warum und wohin.
Fünf Tage später öffneten US-Soldaten die Türen, er war endlich
frei. Und das Bahnhofsschild „Seeshaupt“ hat sich für immer in
seinem Gedächtnis eingebrannt.
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Das Mahnmal gehört zum Dorf
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Dass
das Dorf 1995 wegen des Mahnmals vor einer Zerreißprobe stand, ist heute kaum mehr vorstellbar. Im Gegenteil,
die Seeshaupter sind ein bisschen stolz auf den mutigen Umgang mit
der jüngsten Vergangenheit und das zu einem viel früheren
Zeitpunkt als manch andere Kommune. Das Mahnmal gehört inzwischen
genauso zum Dorf wie die alljährliche Gedenkfeier, die unter dem
Motto „Seeshaupt im April“ steht. Prominente Redner kamen dafür
ins kleine Seeshaupt wie Hans-Jochen Vogel, Max Mannheimer, Theo
Waigel, Kurt Kister, Christian Ude, Franziska Augstein und viele
andere. Das Mahnmal und sein historischer Hintergrund sind
fester Bestandteil des Lehrplans in der Grundschule. Deswegen
schmücken die Kinder es jeden 30. April mit Blumen. Gymnasiasten
mehrerer Schulen haben das Mahnmal, die Ereignisse vom 30. April
1945 und den Umgang der Seeshaupter mit ihrer Geschichte in
Facharbeiten behandelt. Und immer wieder besuchen hochbetagte
Überlebende aus dem KZ-Zug den Ort. Denn es ist für sie eine tiefe
Freude, dass in Seeshaupt an ihre persönliche Geschichte erinnert
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Seeshaupt im April
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Diese
Erinnerung beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das Mahnmal
i n der Bahnhofstraße. Das Holzkreuz auf dem ehemaligen Massengrab
wurde 2013 durch einen schlichten Grabstein ersetzt. Der
beeindruckende Entwurf für die Skulptur „Leeres Grab“ der
jüdischen Künstlerinnen Marlies Poss und Blanka Wilchfort konnte
sich nicht durchsetzen. Außer der Tafel am Mahnmal informiert seit
2015 auch eine Bronzetafel am Bahnhofsgebäude über die Ereignisse
vom 30. April 1945. Der Text ist auf Deutsch, Englisch und
Hebräisch verfasst.
Für die Buchreihe
„Seeshaupter Ansammlungen“ haben Renate und Bero von Fraunberg
2010 die Dokumentation „Damals im April – Chronologie zum
Seeshaupter Mahnmal“ zusammengestellt. Im selben Jahr wurde
Walter
Steffens Dokumentarfilm „Endstation Seeshaupt“ zum ersten Mal
gezeigt, zwei Jahre später der Film „Der Todeszug“ der
Dokumentarfilmerin Beatrice Sonhüter.
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Renate von Fraunberg, April 2020 |
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